Der Theologe (1/1)...
... und Prediger (2/2)
Der Theologe (1/1)...

In den Jahren 1829 und 1830 war Jeremias Gotthelf an der Berner Heiliggeistkirche als Vikar tätig. Er schien sich nicht sonderlich wohl zu fühlen; in einem Brief vom 18. Oktober 1830 schreibt er mit Blick auf seine Stadtberner Zeit: «Überall waren mir die Hände gebunden.»

In den Predigten, welche Gotthelf in der Heiliggeistkirche hielt, spricht er oft, ausführlich und zuweilen moralisierend über das Selbstverständnis des modernen Menschen. Er tut damit, um eine Wendung aus «Anne Bäbi Jowäger» aufzunehmen, gleichsam den Blick in das Buch des Lebens. Er beschreibt diese Haltung mit folgenden Worten: «Vielen ist ihre eigene Person der werte Mittelpunkt, auf den sie alles beziehen, die sie zu den Angeln machen möchten, um die sich alle ihre Umgebungen drehen, auf die jedes Auge mit der grössten Aufmerksamkeit gerichtet sein sollte.»

Das Selbstverständnis des Menschen, welches Gotthelf zeichnet, entspricht demjenigen der Moderne. Denn er spricht die Haltung des Menschen an, auf sich und nur sich selbst geworfen zu sein. Der Mensch ist offensichtlich einer, der immer wieder und immer neu ohne Gegenüber und Du zu existieren versucht und damit in Vereinzelung gerät. Gotthelf zeichnet den Menschen, der von sich selbst nicht los kommt und daher abhängig ist und unmündig bleibt.

Diese theologische Einsicht setzt er in seinem literarischen Werk um. In der Geschichte «Barthli der Korber» zum Beispiel, steht die Titelfigur für den erstarrten, auf sich und nur sich geworfenen Menschen. Und ein solcher hört auf, lebendig zu sein und droht zu zerbrechen.

Die Befreiung des Menschen aus Unmündigkeit und Erstarrung ist gemäss Gotthelf nur möglich und wirklich in der Erkenntnis Gottes. In der Antrittspredigt an der Heiliggeistkirche sagt er: «Ist Gott lebendig geworden im Menschen, dann ist er frei.» Wer Einsicht gewinnt in Gott als Gegenüber des Menschen, der wird, so Gotthelf, die Erfahrung von Erstarrung und Vereinzelung hinter sich lassen. Und zwar zugunsten von Leben und Gemeinschaft.

Der Gotteserkenntnis entspricht bei Gotthelf also Selbsterkenntnis. Denn sie befreit den Menschen zu sich selbst und dazu, die eigene Existenz -er sagt:- «himmlischer» werden zu lassen. Menschen können nun eine Praxis einüben, die damit ernst macht, dass -wieder in seinen Worten- «jeder dem andern ein Bruder ist».

Diese theologische Einsicht führt Gotthelf zur Kritik an Kirche, Gesellschaft und Staat. So geisselt er die gängige ökonomische Praxis, das Zinswesen etwa, oder den Missbrauch von Macht. Er ist, mit Walter Muschg zu reden, einer Haltung «oppositioneller Prophetie gegen die Welt» verpflichtet. Denn Gotthelf ist getragen von der Überzeugung, daß sich Glaube und Hoffnung der Gemeinde Gottes in der Anwaltschaft für Geschundene und Betrogene zu erweisen haben.

... und Prediger (2/2)
o